Europäische Werte, Identität und Bewusstsein in Grossbritannien

Großbritannien ist Mitglied der EU seit deren Gründung in den 1950er Jahren. Großbritannien ist aber auch das Land, das sich von Beginn an mit der Integration in die europäische Gemeinschaft wohl am schwersten tut. Die bedeutenden europäischen Gemeinschaftsprojekte, beispielsweise das Schengen-Abkommen, wurden ohne Großbritanniens Beteiligung abgeschlossen. Der Beitritt zur Währungsunion wurde trotz europafreundlicher Einstellung des Premierministers Blair durch Intervention des damaligen Finanzministers Gordon Brown vereitelt. Brown wurde später selbst Premierminister. Während seiner Amtszeit wuchs die Bereitschaft, eine europäische Identität zu entwickeln, nicht.

Die britische Politik begegnet der EU und ihren Vorstößen mit einem gewissen Mistrauen. Weil versteckte Nachteile befürchtet werden, werden sogar Vorlagen der EU, die offensichtlich auch den Interessen Großbritanniens entsprechen könnten, abgelehnt. Die Zurückhaltung, mit der die britische Politik das Thema Europa behandelt, schlägt sich auch im Bewusstsein der Bürger nieder. Die Engländer, Schotten, Waliser und Nordiren auf der Straße finden nicht viel Positives zu berichten, wenn sie über die EU diskutieren. Bei Umfragen stellte sich heraus, dass nur 30 % der Befragten die EU-Mitgliedschaft positiv bewerteten. Es sind sogar schon Forderungen laut geworden, Großbritannien möge aus der EU austreten.

Dies wird wahrscheinlich nicht geschehen, weil Großbritannien die EU ebenso braucht wie die EU Großbritannien.Die Skepsis gegenüber den europäischen Werten, die der Ausbildung eines Europa-Bewusstseins in britischen Köpfen entgegensteht, ist geschichtlich gewachsen. Großbritannien verfügt, anders als viele andere Mitgliedsstaaten der EU, auch ohne europäische Gemeinschaft über zuverlässige Bündnispartner. Das Commonwealth of Nations und die "special relationship", die "besondere Beziehung" zu den Vereinigten Staaten haben für das Selbstverständnis der Briten einen höheren Stellenwert als die EU. Mit dem Wirken der EU verbinden viele Briten bürokratische Fallstricke und nicht erwünschte Bemühungen, das Regierungshandeln von außen zu dominieren. Ideen, wie die Einstellung der Briten und der britischen Politik zu Europa verbessert werden kann, gibt es bereits. Ein Ansatz wäre, den Posten eines Europa-Ministers mit Kabinettssitz einzuführen.